Glaubens- und Gewissensfreiheit

Das Grundgesetz ist eine Errungenschaft, die wir nicht hoch genug einschätzen können. Aus Sicht der Religionsgemeinschaften hat Artikel 4 eine ganz besondere Bedeutung, weil er die Religionsfreiheit garantiert.

Aus historischer Sicht reicht die Bedeutung von Artikel 4 aus Sicht der jüdischen Gemeinde jedoch noch viel weiter. Es lohnt sich, den Artikel in seiner Gesamtheit zu betrachten: „Die Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie die Freiheit, sich zu einem religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnis zu bekennen, sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung ist zu gewährleisten. Niemand darf gegen sein Gewissen dazu gezwungen werden Wehrdienst leisten …”.
Die Erfahrung der totalen Entrechtung und Verfolgung im Nationalsozialismus allein aufgrund der Zugehörigkeit zum Judentum ist in jüdischen Familien bis heute sehr präsent. Die damals vorherrschende Staatswillkür ist für sie keine abstrakte historische Erkenntnis. Nein, fast jede Familie hat persönliche Erinnerungen an das Leid in der Shoah.

Die Sensibilität für die große Bedeutung der Unverletzlichkeit der Glaubens- und Religionsfreiheit ist daher wohl in der jüdischen Gemeinde stärker ausgeprägt als anderswo.

Wir sind uns auch der Bedeutung der Gewissensfreiheit bewusst, die auch in Artikel 4 garantiert wird. Neben Juden gehörten Kommunisten und Sozialdemokraten zu den ersten Opfern des Nationalsozialismus. Auch Widerstandskämpfer, die mutig der Stimme ihres Gewissens folgten, bezahlten dies meist mit ihrem Leben. Tausende Juden litten zusammen mit diesen Menschen in Konzentrationslagern. Diese Erfahrung wird uns für immer mit ihnen verbinden.

Mit großer Weisheit haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes zu Beginn des Grundgesetzes auf die Bedeutung der Grundrechte hingewiesen. Die Glaubens- und Gewissensfreiheit nimmt im vierten Artikel einen herausragenden Platz ein.
Für diese Freiheit müssen wir kämpfen. Denn es existiert in Deutschland nicht uneingeschränkt im Alltag. Synagogen müssen von der Polizei geschützt werden. Juden, die sich als solche zeigen, werden öffentlich angegriffen. Auch Moscheen und Muslime sind zunehmend Angriffen und Anfeindungen ausgesetzt.

Demokraten können nicht dulden, dass dies zur Normalität werden soll. So wie Artikel 4 den Menschen das uneingeschränkte Recht garantiert, keiner Religion anzugehören oder sich nicht zu ihrer Religionszugehörigkeit zu bekennen, garantiert auch das Grundgesetz allen Bürgern das Recht, ihre Religion voll auszuüben und zu leben.
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Artikel 4

(1) Die Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie die Freiheit des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses sind unantastbar.

(2) Die ungestörte Religionsausübung ist zu gewährleisten.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen gezwungen werden, Wehrdienst unter Einsatz von Waffen zu leisten. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

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